Minimalismus mit Seele: Platz für Wichtiges

Du suchst eine Schere und findest fünf Dosenöffner, ein Kabel unbekannter Herkunft und einen Schlüssel zu einer Tür, die es vielleicht gar nicht mehr gibt. Die Schere liegt natürlich woanders. Die Dosenöffner haben offenbar einen Verein gegründet. Auskunft gibt es erst nach der Mitgliederversammlung.

Da möchte man am liebsten die ganze Wohnung ausräumen. Dann taucht eine Postkarte auf, du denkst an den Menschen, der sie geschickt hat, und der große Wegwerfdrang legt sich. Zum Glück. Um wieder Platz zum Papierschneiden zu haben, muss nicht jedes Andenken einen Antrag in dreifacher Ausführung stellen.

Was heißt es, mit weniger Dingen zu leben?

Als Lebensweise bedeutet Minimalismus, Besitz und Konsum zu verringern und dem mehr Raum zu geben, was einem wichtig ist. Eine passende Stückzahl für alle gibt es nicht. Hier probieren wir ein paar alltagstaugliche Ideen aus, ohne aus der Wohnung eine Prüfung für anständige Haushaltsführung zu machen.

Manche mögen fast leere Zimmer. Andere lieben Bücher, Farben und Regale voller Erinnerungen. Die Farbpalette verrät nicht, wie viel Seele ein Zuhause hat. Hilfreicher ist die Frage, ob du dort gern lebst, findest, was du brauchst, und dich um die Dinge kümmern kannst, die du behalten möchtest.

Nicht alles braucht einen Arbeitsvertrag

Mit der Pfanne kochst du. Ein Foto erinnert dich vielleicht an deinen Opa. Ein Wichtel aus Kaltporzellan gefällt dir womöglich, weil er aussieht, als hätte er etwas ausgeheckt. Das sind unterschiedliche Gründe, Dinge zu behalten. Du musst dem Wichtel keinen praktischen Nutzen andichten, um ihn mögen zu dürfen.

Auch Sachen „für alle Fälle“ sind nicht automatisch überflüssig. Ein schwer erhältliches Ersatzteil, ein selten benötigtes Werkzeug oder Kleidung für eine andere Jahreszeit können sinnvoll sein. Etwas wegzugeben und später neu zu kaufen spart nicht unbedingt Platz, Geld oder Mühe.

Hilfreiche Fragen statt fester Stückzahlen

Was vor dir liegtEine mögliche Frage
Etwas, das du benutztKomme ich gut daran, wenn ich es brauche?
Ein AndenkenMöchte ich es behalten, auch ohne es auszustellen?
Mehrere ähnliche DingeErfüllen sie verschiedene Aufgaben, oder brauche ich nicht alle?
Etwas KaputtesLässt es sich reparieren, und lohnt sich das für mich?

Deine Antworten können sich ändern: durch einen Umzug, Pflegeaufgaben, Arbeit von zu Hause oder ein neues Hobby. Dein Besitz muss nicht ein Leben lang derselben Inventarliste entsprechen.

Marie Kondo braucht keinen Möbelstreit

Marie Kondo unterscheidet ihre Methode vom Minimalismus. Dinge zu behalten, die man schätzt, kann auch eine große Sammlung einschließen. Die Wohnung muss dafür nicht leer sein.

Eine andere Herangehensweise als angeblich „überlegene“ Weiterentwicklung hinzustellen wäre ein unnötiger Wettbewerb. Du kannst verschiedene Ideen kennenlernen und ausprobieren, was dir hilft. Die folgenden Vorschläge sind ein Alltagsexperiment, keine offizielle Anleitung zur KonMari-Methode.

Fang an einer kleinen Stelle an

Such dir ein konkretes Ärgernis

Vielleicht passt kein Teller mehr auf den Tisch, oder du suchst morgens ewig nach dem Schlüssel. Fang dort an. Wer sämtliche Schränke gleichzeitig ausräumt, hat womöglich vor dem Abendessen weder ein freies Bett noch Lust auf irgendetwas. Eine Schublade bietet schon genug Unterhaltung.

Überlege, was mit den Dingen passieren soll

Sortiere danach, was du behalten, zurückgeben, reparieren oder an jemanden weitergeben möchtest, der es gebrauchen kann. Kläre vor einer Spende, was die Organisation annimmt und in welchem Zustand. Nicht mehr brauchbare Dinge gehören zur passenden örtlichen Sammel- oder Entsorgungsstelle. Eine Tüte neben der Tür ist noch keine erledigte Aufgabe.

Bist du bei einem Andenken unsicher, kannst du die Entscheidung verschieben. Du musst beim Aufräumen nicht gleich dein ganzes Leben klären. Bei gemeinsam genutzten Dingen sprichst du dich mit den anderen ab. Deine Begeisterung fürs Aussortieren macht dich nicht zum Eigentümer ihrer Sachen.

Probiere den Platz aus, bevor du Zubehör kaufst

Lege das, was bleibt, dorthin, wo du es gut erreichst und später wiederfindest. Nutze zuerst vorhandene Schachteln und Unterteilungen. Zwölf neue Ordnungsboxen für ein bisschen Schnickschnack zu kaufen kann eine erstaunlich teure Rückkehr zum Ausgangspunkt sein.

Der rote Hut darf bleiben

Weißhaariger Magikito mit rotem Hut neben einer orangefarbenen Blüte im Pflanztopf
Der rote Hut bleibt. Von einer Kleiderordnung in Beige weiß der Wichtel nichts.

Wenn wir von Dingen „mit Seele“ sprechen, meinen wir Zuneigung, Geschichten oder persönlichen Geschmack. Das kann eine handgemachte Figur sein, eine Tasse aus Serienfertigung oder ein Stein, den du schon lange aufbewahrst. Preis und Seltenheit bestimmen nicht, wie wichtig dir etwas ist.

In der Fantasiewelt der Magikitos prägen die Magischen Funken den Charakter der Wichtel. Die Figuren stellen sie dar. Dieses Gedankenspiel kann zu deinen Erinnerungen passen, verleiht einem Dekoobjekt aber keine tatsächlichen Schutzkräfte. Dafür musst du auch nichts kaufen. Vielleicht stehen deine kleinen Schätze längst zu Hause.

Gut erhalten heißt nicht teuer ersetzen

Ein handgemachtes Stück kann sorgfältig verarbeitet sein, ein Serienprodukt ebenso. Der Preis allein verrät nicht, wie lange etwas hält. Schau auf Material, Verbindungen, Pflege und Reparaturmöglichkeiten. Im Vergleich von Handwerk und Serienfertigung geht es um solche Unterschiede, ohne aus jedem Kauf eine Gewissensprüfung zu machen.

Du musst einen günstigen Gegenstand, der funktioniert, nicht durch seine „minimalistische“ Designerversion ersetzen. Auch Kaltporzellan wird durch Handarbeit nicht unzerstörbar. Sich um vorhandene Dinge zu kümmern ist meistens eine greifbarere Aufgabe als die Suche nach der perfekten Sammlung.

Muss für jedes neue Teil ein anderes gehen?

Nein. „Eins rein, eins raus“ kann bei einer übervollen Schublade helfen, ist aber freiwillig. Etwas Notwendiges wegzugeben, damit die Rechnung stimmt, ergibt wenig Sinn. Entscheidend sind dein Bedarf und der verfügbare Platz.

Kann ein Kauf warten, gib dir etwas Zeit. Prüfe, ob du schon etwas Passendes hast, ob du es ausleihen kannst und ob ein Kauf in dein Budget passt. Nach dreißig Tagen verwandelt sich ein spontaner Wunsch nicht automatisch in eine sinnvolle Anschaffung.

Ein Zuhause, das zu deinem Leben passt

In der Küche zählen die Menschen, die dort essen, und die Zeit, die zum Abwaschen bleibt. Im Kleiderschrank spielen Wetter, Beruf und Waschrhythmus mit. An deinem Arbeitsplatz brauchst du die passenden Dinge in Reichweite. Die Mengen richten sich nach deinem Leben, nicht umgekehrt.

Eine freie Fläche kann zum Arbeiten, Spielen oder Abstellen einer Tasse dienen. Sie muss weder Stress heilen noch die Produktivität steigern. Wenn du nachher die Schere findest und die Postkarte behalten hast, die dir wichtig ist, ist schon etwas gewonnen. Die Mitgliederversammlung der Dosenöffner kann warten.

Bewerte diesen Artikel

Wie viele Pilze gibst du, von 1 bis 5?

Einen Moment: bestätige, dass du ein Mensch bist