Eine Socke fehlt, auf dem Dachboden poltert es und die Fernbedienung liegt unter dem Kissen, das du ganz bestimmt schon angehoben hast. Dem Trasgu die Schuld zu geben hat einen Vorteil: Du musst nicht zugeben, dass du beim Suchen einfach Tomaten auf den Augen hast.
Mit diesem Grinsen besuchen wir die asturische Sagenwelt. Einige Wesen helfen, andere machen Angst, und manche verändern sich von Erzählung zu Erzählung erheblich. Hier wohnen mehr als bloß ein paar Waldmännchen mit unterschiedlichen Mützen.
Als Ausgangspunkt dient uns Del folklore asturiano: mitos, supersticiones, costumbres von Aurelio de Llano, erschienen 1922. Das Buch sammelt Geschichten und nennt konkrete Orte. Wir lesen eine historische Sammlung mit den Deutungen ihrer Zeit, kein Melderegister übernatürlicher Bewohner.
Der Trasgu zieht gleich mit um
Llano beschreibt ein kleines Wesen mit rotem Kittel und roter Mütze, das nachts ins Haus kommt und Hausarbeit erledigt. Es kann aber auch gewaltig herumrumoren. So ein Mitbewohner, der erst die Küche aufräumt und danach alle um den Schlaf bringt.
Besonders schön ist der Streich mit dem Umzug. Eine Familie zieht in ein anderes Haus, um ihn loszuwerden. Der Trasgu taucht im neuen Heim auf und bringt noch einen vergessenen Gegenstand mit. Der Kerl kommt einfach hinterher. Du organisierst Wagen und Möbel, und er freut sich über die bessere Wohnung.
Um ihn zu vertreiben, bekommt er unlösbare Aufgaben. Die Leinsamen, die er aufsammeln soll, fallen laut Llano durch ein Loch in seiner linken Handfläche. Außerdem soll er Wasser in einem Korb holen. Der Korb verliert Wasser, die Hand verliert Körner. Das wird nichts.
In diesen Fassungen zieht er beschämt ab, weil er scheitert. Jede Erzählung hat ihr Ende. Weitere eigenwillige Mitbewohner findest du in den Geschichten über die Hausgeister Europas.
Die Xanas haben mehr zu bieten als schöne Haare
Llano lässt Xanas in Quellen und Höhlen wohnen. In seinen Erzählungen kommen lange Haare, Schätze, Spinnarbeiten und goldene Gegenstände vor. Die Figuren haben aber auch etwas zu sagen. Viel interessanter, als sie den ganzen Nachmittag hübsch am Wasser sitzen zu lassen.
In einer Geschichte aus Cardo in Gozón entdeckt eine Frau einen Rosenkranz an einer Quelle und will ihn ihrer Tochter mitbringen. Eine Xana erscheint und fragt, wie sie denn beten soll, wenn die Frau ihren Rosenkranz mitnimmt. Die lässt ihn liegen und geht beschämt davon. Tja. Da wolltest du nur kurz ausruhen und bekommst eine Ansage, weil du fremde Sachen einstecken willst.
In einer anderen Geschichte hilft eine Näherin einer Xana bei der Geburt und bekommt eine goldene Schere. Ein Dankeschön, das zum Beruf der Helferin passt. So eine Schere würdest du wohl kaum irgendwo in die Küchenschublade pfeffern.
Der Nuberu vergisst einen Gefallen nicht
Der Nuberu lenkt in diesen Geschichten die Gewitter. Das allein macht schon Eindruck. Stell dir einen Streit mit jemandem vor, der beim Türknallen auch noch das gute Wetter mitnehmen kann.
In Llanos Geschichte von Juan Cabrito bleibt der Nuberu am Boden zurück, weil ihm die Wolken entwischt sind. Er sucht ein Nachtlager. Ein reicher Bauer weist ihn ab, ein armer nimmt ihn auf. Später bekommt das Land des ersten seinen Zorn zu spüren, während er die Felder des zweiten pflegt.
Der hilfsbereite Bauer landet irgendwann in Ägypten und begegnet ihm wieder. Der Nuberu ermöglicht ihm die Heimreise auf einem Ziegenbock, der durch die Luft fliegt. Die Gastfreundschaft zahlt sich aus. Bloß die Frage, wo man ihn am Flughafen abholen soll, dürfte etwas Gesprächsbedarf auslösen.
Der Cuélebre und die Brotrechnung
Der Cuélebre erscheint als geflügelte Schlange, die Schätze und verzauberte Gestalten bewacht. Llano sammelt Geschichten über Höhlen und andere asturische Orte. Stell dir einen Wächter vor, bei dem du nicht mit „Guck mal da hinten!“ ankommst, um dich vorbeizuschleichen.
In einer Geschichte aus Brañaseca bei Cudillero füttern die Dorfbewohner ihn mit Maisbrot und Roggenbrot, damit er ihr Vieh verschont. Schwieriger Vertrag: Du backst weiter und er verzichtet darauf, deine Kühe zu verspeisen. Schließlich täuschen sie ihn mit einem glühenden Stein, und er stirbt. Monstergeschichten können hart enden.
Mit so einem hungrigen Nachbarn am Dorfrand wird selbst die Bestellung beim Bäcker zu einer Frage der öffentlichen Sicherheit.
Die Güestia lässt dich zur Seite treten
Die Güestia, auch Guestia geschrieben, führt uns zu nächtlichen Seelenzügen. In Llanos Geschichten können manche Menschen sie sehen und andere nicht. Allein das reicht schon: Du redest völlig entspannt, während dein Begleiter plötzlich etwas ausweicht, das für dich gar nicht da ist.
In einer Geschichte aus Santo Adriano de Riosa bietet ein Mann seinem Diener die Schulter an, damit dieser sein Kinn darauflegt. Der Diener tut es und sieht die Prozession vorbeiziehen. Da bleibt dir dein „Ach, das bildest du dir nur ein“ wohl im Hals stecken.
Das Buch nennt auch einen auf den Boden gezeichneten Kreis als Zuflucht vor dem Zug. Das gehört zu diesen Vorstellungen. Daraus wird aber nicht jede europäische Erzählung über einen Geisterzug zu derselben Geschichte mit einheitlichen Regeln.
Busgosu und Sumiciu: Auch über Sagen wird gestritten
Bei diesen beiden lohnt sich ein zweiter Blick. Llano erwähnt den Busgosu mit Hörnern und Ziegenbeinen, bezweifelt aber die asturische mündliche Überlieferung, auf die sich andere Autoren berufen. Er schreibt, dass er bei seinen Befragungen keine solchen Geschichten gefunden habe. Das ist seine Einschätzung von 1922.
Beim Sumiciu hält er eine Redewendung fest, die man gebraucht, wenn etwas gerade noch da war und plötzlich verschwunden ist. Für ihn war das eine sprachliche Wendung, keine Sagengestalt mit eigenen Erzählungen. Es geht eher um „Das lag doch eben noch hier!“ als um einen Waldgeist, der Wanderer absichtlich in die Irre führt.
Heute stehen beide unter den Holzfiguren am Camín Encantáu im Ardisana-Tal bei Llanes. Geschichten verbreiten sich auch durch Bücher, Skulpturen und neue Fassungen.
Ich mag diesen Streit. Er lädt dazu ein, nachzufragen: Wer hat was erzählt, wo wurde es aufgeschrieben und wie hat der Nächste es weitererzählt? Darüber lässt sich wunderbar quatschen.
Wo die Magikitos ihren Platz haben
Die Magikitos haben ihre eigene erfundene Herkunft: Sie entstehen, wenn jemand fröhlich in den Wald kackt. Die Figuren aus Kaltporzellan stellen sie dar. Wir teilen mit diesen asturischen Geschichten gern ein imaginäres Bücherregal. Dabei behält jede Figur ihren Namen und ihre Geschichte.
Wenn du sie kennst, erinnert dich das Poltern auf dem Dachboden vielleicht an den Trasgu und eine schwarze Wolke an den Nuberu. Du kannst dir diese Begleiter vorstellen und trotzdem das lockere Brett befestigen und die Wäsche hereinholen. Die Sagen liefern Gesprächsstoff. Für die Wäsche bleibst du zuständig.
Werden die Wesen in jeder Fassung gleich beschrieben?
Nein. Eigenschaften und Ereignisse unterscheiden sich je nach Ort, Erzähler und Sammlung. Deshalb nennen wir hier die Berichte, denen wir folgen.
Ist Magikito ein anderer Name für den Trasgu?
Nein. Der Trasgu gehört zu den asturischen Überlieferungen, die Magikitos zu unseren eigenen Geschichten. Sie können dieselbe Freude an Streichen haben, ohne dieselbe Figur zu sein.