Kika
Eine Hündin, die sich wahnsinnig beschwerte, und ein Dorf unter Wasser
Eva hatte immer noch schlechte Laune.
Sie stritt nicht und machte keine Schwierigkeiten… aber ihr ganzer Funke war weg.
Sie ging mit ihnen, blieb stehen, wenn sie stehen blieben, und aß, was sie ihr gaben, ohne jemanden anzusehen.
Axel versuchte dreimal, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Beim ersten Mal wählte er einen Witz, der schon unter normalen Umständen wenig Aussicht auf Erfolg gehabt hätte.
„Treffen sich zwei Fische. Sagt der eine: ‚Hi.‘“
Eva lief weiter.
„Schreit der andere: ‚Wo?!‘“, sagte Axel.
Hortensia blieb abrupt stehen, die Hand auf der Brust. Maßlos übertrieben, wie immer.
„Ohhhh, Junge, was für ein Scheißwiiitz! Hahahaha.“
Eva ignorierte die beiden komplett.
Er versuchte es noch mal mit einer Frage, damit sie antworten musste.
„Kennst du hier in der Nähe ein Dorf, das du gern sehen würdest?“
„Nein.“
Mit dem dritten Versuch ging er zu weit.
„Du, wenn du willst, reden wir über heute Morgen.“
„Will ich nicht.“
„Schon, aber manchmal hilft es…“
„Axel!“
Axel hielt den Mund und versuchte es nicht noch einmal.
Hortensia dagegen redete ohne Ende: über einen Pfarrer, der im Stehen bei der Messe einschlief, darüber, wie sie als Mädchen Pilze sammeln gegangen war, und darüber, warum sich die Leute nicht mehr vor ihre Haustüren setzten. In fünf Stunden stellte sie Eva nicht eine einzige Frage.
Zum Essen hielten sie an einem ziemlich trostlosen Rastplatz neben einer Tankstelle, mit zwei kaputten Holztischen und jeder Menge Müll drumherum.

Sie waren gerade bei ihren belegten Broten, als ein Hund auftauchte.
Er kam mit gesenktem Kopf hinter den Müllcontainern hervor und war so mager, dass er einem leidtat. Es war ein großer grau-weißer Hund mit spitzen Ohren, einer maskenartigen Gesichtszeichnung und auffallend blauen Augen, die selbst zwischen all den losen Fellbüscheln herausstachen. Ein Halsband trug er nicht.
Er blieb in ihrer Nähe stehen.
„Oha“, sagte Hortensia. „Das ist ein Husky. Einer von denen, die den Schlitten ziehen.“
Fay, oben auf dem Tisch, schaute ihn an, beschloss, dass ihn das nichts anging, und schlief weiter.
Eva stand mit ihrem unberührten Brot auf und ging in die Hocke.
„Komm.“
Es war das erste liebe Wort, das sie den ganzen Tag gesagt hatte.
Das Tier rührte sich nicht.
Eva schaute nach, ob da ein Pimmelchen baumelte, aber nein… es war eine Hündin.
„Keine Angst, du Hübsche.“ Sie brach das Brot durch und legte die Hälfte auf den Boden. „Da.“
Die Hündin kam ängstlich näher, bereit, sofort abzuhauen. Sie schnappte sich das Stück und verzog sich ein gutes Ende weit, um es zu fressen.
Eva setzte sich im Schneidersitz hin und redete leise auf sie ein.

Sie erzählte ihr alles Mögliche… dass sie sehr dünn war, woher sie denn kam, dass sie die gleichen Augen wie Fay hatte und sie vielleicht verwandt waren.
Dass sie sie an sich selbst erinnerte.
Die Hündin hob die Schnauze, schloss die Augen und antwortete mit einem endlosen „Auuu-wo-wo-wo“.
„Wie bitte?“
„Auuu-wo-wo!“
„Ach, haha, ich sing auch.“
Und sie erzählte ihr noch jede Menge mehr.
So ging das zehn Minuten, eine Frau, die leise redete, und eine Hündin, die sie keinen Satz zu Ende bringen ließ. Hortensia weinte vor Lachen, den Ärmel vor den Augen.
Als sie zusammenpackten, blieb die Hündin bei ihnen und beobachtete sie. Sie folgte ihnen mit Abstand bis zur Straße, und eine halbe Stunde später lief sie ganz selbstverständlich mit Fay voraus.
„Die geht nicht mehr weg“, sagte Hortensia. „Die braucht einen Namen.“
„Kika“, sagte Eva, felsenfest überzeugt.
„Kika? Wieso denn das?“
„Weil ihre Schönheit kilometerweit reicht. Und weil’s zu ihr passt.“
Die Frau gab ihren Liedern keine Namen, und einer Hündin hatte sie in zwei Sekunden einen verpasst.
Am nächsten Tag kamen sie an eine Kreuzung mit zwei Pfeilen. Auf dem einen stand „Strand von Cantomar“. Auf dem anderen stand „Valdebruma“, und der Weg ging bergauf, in die Berge.

Sie blieben davor stehen.
Fay lief über die Kreuzung, ohne jemanden anzuschauen, nahm den Weg nach oben, setzte sich nach zwanzig Metern hin und wartete. Kika hinterher wie ein Anhänger.
„Da lang“, sagte Eva.
„Und der Strand?“, fragte Axel.
„Da gehen wir schon noch hin, Mann. Schauen wir erst mal, was es hier gibt.“
Axel sah auf den anderen Pfeil und ging mit ihr. Es war nicht der Moment, irgendwem zu widersprechen.

„Ach, und wo ich gerade dran denke“, sagte Hortensia. „Seit wann kennt ihr zwei euch eigentlich?“
„Wir haben uns neulich kennengelernt, auf dem Markt“, sagte Eva.
„Neulich? Ich dachte, ihr seid seit Ewigkeiten befreundet!“
„Ach was“, sagte Axel. „Ich wollte eigentlich allein los.“
„Und wieso bist du überhaupt los?“
„Wegen einem Stück Pizza“, sagte Eva.
Hortensia blieb mitten auf der Straße wie angewurzelt stehen.
„Wie bitte?“
„Eva.“
„Er hat sich an einem Stück Pizza verschluckt, und das hat sein Leben verändert.“
„So war das nicht.“
„Das war ganz genau so.“
„Das war nicht ganz genau so.“ Axel lief schneller, sehr würdevoll. „Das war ein großes Stück.“
„Tiefkühlpizza“, machte Eva weiter, bestens gelaunt. „Aus der Mikrowelle.“
„Vorgefroren.“
„Und was ist das?“

„Was anderes.“
„Und dann hat er sich mit dem Bauch gegen die Arbeitsplatte geworfen wie ein Wildschwein, und das Stück ist rausgeflogen.“
„Wie ein Tier, hab ich gesagt! Ich hab nicht Wildschwein gesagt!“
Hortensia schaute mit offenem Mund von einem zum anderen.
„Und du dachtest, du stirbst?“
„Ich dachte, ich sterbe. Und ich dachte: Verdammt, was für ein blödes Leben.“
Hortensia war drei Schritte lang still. Und dann ließ sie ein Lachen raus, das Kika erschreckte.
„Eine Pizza! Ach du meine Güte, eine Pizza!“ Sie wischte sich mit dem Handgelenk ein Auge. „Bei mir musste erst ein Mann sterben. Du bist mit einer Pizza davongekommen.“
Sie lief zwei Schritte vor ihnen weiter.
Eva stieß Axel mit dem Ellbogen an, ohne ihn anzuschauen. Das erste Mal seit zwei Tagen.
Ein paar Stunden später öffnete sich das Tal, und ein riesiger dunkelgrüner Stausee lag zwischen den Bergen. An den rissigen Ufern konnte man erkennen, wie hoch das Wasser einmal gestanden hatte. Doch was alle drei zum Staunen brachte, war ein Steinturm, der etwa zweihundert Meter entfernt aus dem Wasser ragte, mit zwei Fenstern oben und einer Öffnung, in der früher wohl eine Glocke gehangen hatte.
„Ein Kirchturm“, sagte Hortensia. „Da unten war ein Dorf. Das haben sie geflutet für den Stausee. Die Leute haben ein Papier und eine Frist gekriegt, und die Frist war kurz. Die Toten haben sie mitgenommen. Den Lebenden haben sie da oben ein neues Dorf gebaut, mit geraden Straßen.“
Sie steckte die Hände in die Taschen ihrer Strickjacke.
„Und die Häuser da unten sind ganz geblieben. Mit zugemachten Türen.“
Sie gingen runter ans Ufer, weil Eva es sich in den Kopf gesetzt hatte.
Unten fanden sie eine im Schlamm vergrabene Mauerecke und eine halbe Treppe, die nirgendwo mehr hinführte. Kika, die ihren eigenen Angelegenheiten nachging, buddelte einen steinharten Lederschuh aus und brachte ihn Hortensia, fast platzend vor Stolz.

„Lass das fallen, du Ferkel“, sagte Hortensia.
Hortensia bückte sich nicht einmal, um ihn ihr abzunehmen. Sie stand da und sah den Turm an.
„Diese Häuser waren wie das von meiner Mutter“, sagte sie.
„Und wo war das?“, fragte Axel.
„Da oben, in den Bergen.“ Sie deutete mit dem Kinn hin und sah weg.
„Und steht das noch?“
„Und jetzt mal sehen, ob ihr wisst, was das für ein Eisen ist!“, sagte Hortensia und bückte sich nach einem Stück Schrott. „Ich hab nämlich keinen blassen Schimmer.“
Sie fing an, sehr laut und sehr schnell über Pilze zu reden, und hörte den ganzen Nachmittag nicht mehr damit auf.
Axel schaute Eva an. Eva zog die Augenbrauen einen halben Millimeter hoch.