Ziegenkäse
Drei in einem Zelt für zwei und ein Schild, das nein sagte
Es stellte sich raus, dass Hortensia schneller lief als die beiden zusammen.
Auf der kleinen Landstraße gab Hortensia das Tempo vor und erzählte Geschichten, bei denen Axel vor Lachen kaum noch laufen konnte.
„Ich bin an meiner Erstkommunion in einen Brunnentrog gefallen“, sagte sie, ohne dass einer gefragt hätte. „Mit Kleid, Handschuhen, Kränzchen, mit allem. Na ja, gefallen nicht. Mein Bruder hat mich geschubst, weil ich vor allen gesagt hatte, sein Kränzchen wär aus Metzgerpapier. Was auch stimmte, weil ich das Ding selbst gebastelt hatte, um ihn ein bisschen zu ärgern.“
Axel lachte sich schlapp.
„Und da waren sogar Frösche im Trog, ja? Und so grüner Schmodder. Dann haben sie mich zum Trocknen auf eine Bank gesetzt wie einen Fisch, und von da aus hab ich mir die ganze Kommunion angeschaut.“ Sie reckte das Kinn. „Eigentlich hatte ich mehr Spaß als die anderen.“
Die Sonne ging langsam runter, als sie die letzten Häuser eines Dorfes erreichten. Vor einem Laden standen noch zwei Kisten Tomaten, und Hortensia blieb abrupt stehen.
„Wartet, von vier Datteln werden wir heute Abend nicht satt.“
Sie ging hinein, verschwand eine Weile zwischen den Regalen und landete schließlich am Tresen, wo sie vier dicke Koteletts, frisches Brot, Tomaten, eine Knolle Knoblauch und einen Sack Holzkohle bestellte, ohne auf die Preise zu schauen. Als der Ladenbesitzer alles eingepackt hatte, nahm Axel die Tüten, Eva das Brot, und Hortensia kam höchst zufrieden mit ihren Einkäufen aus dem Laden.
„Wir sollten mal überlegen, wo wir bleiben“, sagte Axel.
Ein Stück weiter kam die perfekte Stelle. Eine Wiese am Fluss, mit dicken Bäumen, drei Steintischen und ein paar gemauerten Grillstellen, innen schwarz.
Außerdem stand dort ein unübersehbares Schild: CAMPEN UND FEUERMACHEN AUSSERHALB DER AUSGEWIESENEN BEREICHE VERBOTEN.
„Na gut“, sagte Axel. „Dann suchen wir halt was anderes.“
„Wie bitte?“ Hortensia war schon drin.
„Da steht, dass man nicht darf.“
„Da steht, dass man nicht campen darf. Wir campen doch nicht, Junge, wir schlafen.“ Sie ließ den Rucksack auf einen Steintisch fallen. „Und der Grill ist ausgewiesen. Steht da. Ausgewiesen.“

Eva war auf dem Kies am Rand stehen geblieben, ohne das Gras zu betreten.
„Ich würd’s lassen.“
„Warum denn, Kind?“
„Weil wir Ärger kriegen, wenn jemand kommt.“
„Wer soll denn hier kommen?“ Hortensia lachte. „Das Schlimmste, was einem hier passieren kann, ist ein Wildschwein. Und den Wildschweinen ist das Schild wurscht.“
Axel überlegte ein paar Sekunden. Bis gestern war er überall eine Viertelstunde zu früh angekommen. Jetzt hatte er eine Nacht draußen geschlafen und hielt sich schon für einen Abenteurer.
„Komm, Eva, da passiert schon nix.“
Und er ging rein.
Eva blieb noch einen Moment auf dem Kies. Dann ging sie auch rein.
Hortensia packte die Einkäufe auf dem Tisch aus. Nach den Koteletts, dem Brot und dem Gemüse kamen drei verschiedene Gläser Soße zum Vorschein.
„Drei?“, fragte Axel.
„Ich wusste doch nicht, welche euch schmeckt.“
Am besten war es, als sie eine italienische Espressokanne aus Aluminium hervorholte, für drei Tassen, auf der sogar noch das Preisschild klebte.

„Und das?“
„Das ist das Erste, was ich eingepackt hab.“ Todernst. „Den Rest hab ich einfach so genommen. Aber Kaffee… ohne Kaffee geh ich nicht aus dem Haus.“
„Gefällt mir“, sagte Axel zufrieden.
Er verstaute die Kaffeekanne und schüttete die Holzkohle in den Grill, kämpfte eine Weile mit dem Zeitungspapier und wartete, bis die Kohlen glühten, bevor er die Koteletts auflegte. Weil es keinen Mörser gab, zerdrückte er den Knoblauch mit dem Glasboden, legte das Brot zum Aufwärmen neben den Rost und ließ sich von Hortensia Dinge anreichen, als wäre er sein Leben lang Küchenchef gewesen.
„Du, du kannst das ja“, sagte sie.
„Ach was. Ich mach das nach Gefühl.“
Sie aßen mit den Fingern am Steintisch, hinter ihnen rauschte der Fluss, und es war schon Nacht. Fay verdrückte ganz allein das Fleisch von einem ganzen Kotelett.
Eva vergaß schließlich das Schild und summte mit vollem Mund vor sich hin, während sie ins Feuer sah. Axel hockte mit dem Rücken zu ihnen neben dem Grill und kämpfte mit einem Stück Glut.
Hortensia hörte auf zu kauen und sah erst Eva an, dann Axels Rücken und wieder Eva. Sie aß ganz langsam weiter, mit dem Gesicht einer Dame, die mitten im Gottesdienst den neuesten Klatsch erfahren hat und ihn noch niemandem weitererzählen kann.
Das Zelt war gut und leicht, aber gekauft hatte es ein Typ, der allein reisen wollte, und es passten nur zwei Leute hinein.
„Ich schlaf draußen“, sagte Eva. „Ich hab meine Folie.“
„Hier schläft keiner unter einer Folie, wenn ein Zelt da ist“, sagte Hortensia. Und damit war die Diskussion beendet.
Sie passten rein, gerade so, alle drei auf der Seite wie die Sardinen. Hortensia lag in der Mitte, weil sie am dünnsten war, und Fay machte es sich auf den Beinen bequem, die ihm gerade passten.

Hortensia machte sich aus der Strickjacke ein Kopfkissen, so gefaltet, dass die Tasche nach innen zeigte, und klopfte es zweimal mit der Hand platt.
„Das ist ja unanständig“, sagte sie, glücklich wie sonst was.
Was nicht reinpasste, war Axels Rucksack. Er schob ihn, drehte ihn, stellte ihn hochkant, legte ihn hin. Nichts.
„Jetzt lass ihn halt draußen, Mann.“
„Und wenn’s regnet?“
„Der wird nicht nass, verdammt. Stell ihn unter den Tisch.“
Axel ging raus, schob ihn unter den Steintisch, warf den Poncho drüber und kam wieder rein.
Eva hatte ihren Schulrucksack in den blauen gesteckt, zusammengefaltet, mit Schnürsenkel und allem, und den Reißverschluss darüber zugemacht.
Sie legten sich hin und schafften es, einen Moment still zu sein, bis Hortensia anfing zu schnuppern.
„Heilige Mutter Gottes“, sagte sie angewidert. „Was ist das denn?“
„Keine Ahnung, wovon du redest“, sagte Axel.

„Das riecht nach altem Käse, mein Junge.“
„Das sind seine Füße“, sagte Eva ganz ruhig. „Die stinken wie die Pest.“
„Die stinken nicht, du Biest.“
„Und wie die stinken. Das glaubst du nicht.“
„Das liegt daran, dass das Zelt zu ist.“
„Das Zelt riecht nach Zelt. Du riechst nach was anderem.“
„Nach Käse“, sagte Hortensia.
„Nach Ziegenkäse“, sagte Eva. „So einem mit schimmliger Rinde.“
„Das ist kein Käse!“
„Ach, Schätzchen, das ist doch nichts Schlimmes.“ Hortensia lachte so, dass das ganze Zelt wackelte. „Mein Vater hatte genau solche Füße, beim Militär haben sie ihn den Harzer genannt. Aber jetzt mach um Himmels willen den Reißverschluss auf!“

Axel machte ihn eine Handbreit auf und murrte. Die Kälte kam rein und das Rauschen vom Fluss.
„Eva?“, sagte Hortensia nach einer Weile.
„Was.“
„Schnarchst du?“
„Wie ein Walross.“
„Ach, gut. Dann sind wir ja quitt.“
„Quitt? Wer denn?“, sagte Axel. „Der Einzige, der hier kein Auge zukriegt, bin ja wohl ich.“
Zehn Minuten später schnarchten beide mit einer Lautstärke, die man diesem Zelt gar nicht zugetraut hätte. Axel dagegen musste immer noch an das Schild und die Bußgelder denken. Er erinnerte sich an Evas Gesicht auf dem Kies und daran, wie leicht ihm das „Da passiert schon nix“ über die Lippen gekommen war.
Er schlief spät ein.
Und um kurz nach sechs am Morgen weckte ihn eine Autotür.