Stimmen von der Straße

Kunzo · Wien
"Wart heißt langweilig und sich fadessieren heißt sich langweilen. Der Wiener hat Angst vor Fadess, deshalb wird dauernd gesudert. Beispiel. Das ist so fad bei dir, sagt er. Ihr habt keinen Fernseher, sagt sie. Na dann geh, sagt er. Und ist gegangen. Romantik pur."

Was es bedeutet

Fad ist das wienerische Adjektiv für langweilig, mit dem zarten Unterton der erlebten Enttäuschung, die nicht laut zu klagen wagt. Es beschreibt nicht nur die Stunde am Schreibtisch, an der die Zeit stehen bleibt, sondern auch den Roman, dessen erste vierzig Seiten kein einziges Versprechen halten, das Gespräch mit dem Onkel, der zum dritten Mal vom Urlaub am Wörthersee erzählt, oder die Wiener Augustsonntage, an denen sogar das Beisl der Eckwirtschaft zugesperrt bleibt. Aus dem Adjektiv leitet sich das reflexive Verb sich fadissieren ab, mit dem der Wiener seine schlummernde Erwartung formuliert, dass das Leben heute leider nicht liefert.

Verwendungsbeispiele

"Das ist so fad bei dir, sagt er. Ihr habt keinen Fernseher, sagt sie."
"Die Wiederholung des Konzerts der Wiener Symphoniker im Musikverein der Bösendorferstraße im Februar war fad, dieselben drei Werke der Klassik des Repertoires des letzten Jahres, dasselbe Bühnenbild der vorhergehenden Aufführung, und mei Vater hat in der zweiten Hälfte fast die Augen zugemacht im roten Polster des Saals."
"Mei Cousin fadissiert sich seit drei Wochen im Homeoffice der Wohnung am Naschmarkt in Wien, die ständige Videoschaltung mit dem Marketingteam der Firma am Karlsplatz hat sich in eine monotone Routine verwandelt, und am Wochenende kompensiert er mit Wanderungen auf den Kahlenberg und einem Spaziergang im Augarten."
Tonfall
Ironisch Abwertend
Wo man es sagt

Woher es kommt

Fad geht zurück auf das mittelhochdeutsche vade, schal oder geschmacklos, mit derselben Etymologie wie das französische fade, das aus dem Französischen ins österreichische Standarddeutsch übernommen wurde. Die wienerische Verwendung als Synonym für langweilig ist im siebzehnten Jahrhundert dokumentiert, parallel zur Bedeutung von ungesalzen oder ohne Würze. Die literarische Aufwertung des Wortes verdanken wir Johann Nestroy, dessen Volksstücke des frühen neunzehnten Jahrhunderts den Begriff in die hohe Bühnensprache des Wiener Volkstheaters integriert haben.

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