Stimmen von der Straße
"Gefraßt hatten wir schon als Kind. Aber ein altes Gefraßt ist ein alter, hinterhältiger Mensch. Gesindel ist die Mehrzahl. Beispiel, der Nachbar ist so ein altes Gefraßt. Er hat die Polizei gerufen, weil mein Hund um 10 Uhr abgebellt hat. Mein Hund schläft um 10. Der Typ ist einfach deppert."
Was es bedeutet
Altes Gfrast bezeichnet im Wiener Schmäh den hinterhältigen älteren Menschen mit Bauchgrind, der mit der einen Hand Süßigkeiten schenkt und mit der anderen die Schwiegertochter beim Mittagessen demontiert. Das Wort ist liebevoll abwertend, ein Etikett, das die Wiener Sprache mit jener typischen Mischung aus Respekt vor dem Alter und Boshaftigkeit gegen den Charakter verteilt. Es passt in der Beisl-Anekdote, in der Soap, beim Familienkartoffelsalat, und alle wissen sofort, wer am Tisch gemeint ist, wenn jemand es leise zwischen den Zähnen ausspricht.
Verwendungsbeispiele
"Der Nachbar is so a altes Gfrast, ruft wegen jeder Kleinigkeit die Polizei."
"Die Nachbarin im dritten Stock vom Gemeindebau in Favoriten ist ein altes Gfrast erster Klasse, beklagt jeden Schritt im Stiegenhaus und schenkt zugleich der Hausverwaltung dreimal im Monat eine handgeschriebene Beschwerde mit blaugrünem Kugelschreiber."
"Mei Schwiegervater is a altes Gfrast geworden, seit er pensioniert ist, sitzt am Stammtisch im Beisl vom Wiener Wald, kontrolliert die Brieftasche vom Kellner und kritisiert die Gulaschsuppe als hätte er sie selber gekocht."
Woher es kommt
Gfrast geht zurück auf das altdeutsche Wort Geferes, das im Mittelalter das ungesunde, kränkelnde Wesen meinte, vor allem ein schwächliches Tier oder Kind. Im Wiener Dialekt des achtzehnten Jahrhunderts entwickelte sich die Bedeutung in Richtung des moralisch verderbten Charakters, häufig auf alte Menschen angewandt, die ihre Bosheit über die Jahre verfeinert hatten. Die kombinierte Form altes Gfrast ist heute fester Bestandteil des Wienerischen und gehört zum verbalen Inventar jeder gut gespielten Wiener Komödie.
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